Enrico Niemann hat 2007 an der Bauhaus Universität in Weimar sein Studium der freien Kunst abgeschlossen. Gut, dass es nicht 10 Jahre eher war. Denn, nach dem Befreiungs- schlag der abstrakten, avantgardistischen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts, der auch maßgeblich vom BAUHAUS mit Lehrern wie Kandinsky, Klee und Moholy-Nagy ausgegangen war, bestand ein ambivalentes Verhältnis zur Abstraktion. Dieses hat sich bis in die Gegenwart durchgezogen: „Nachdem vor 10 Jahren nichts uncooler war als abstrakte Kunst und die Protagonisten der Szene in ihrer Nische höchstens ein Spezial- und Liebhaberpublikum ansprachen, gibt es heute kaum ein Ausstellungs- und Galerieprogramm, das ohne die obligatorischen Abstraktpositionen auskommt“, schrieb Sven Drühl 2011 in Kunstforum International.

 

Doch ich bezweifle stark, dass die Gefahr uncool zu sein oder ein Nischendasein zu führen Enrico Niemann davon abgehalten hätte, auch vor 10 oder 15 Jahren schon ähnliche Themen seiner heutigen Bilder anzugehen. Zu sehr interessiert wirkt er an den Eigenschaften des Materials seiner „Gemälde", die über das bloße Bild weit hinausgehen. So sehr, dass man sich einen anderen Gegenstand als den der Technik selbst für seine Bilder kaum vorstellen kann. Geradezu erfinderisch gestaltet sich der Produktionsprozess: Bei meinem Besuch in seinem Berliner Atelier liegt eine der Arbeiten waagerecht auf dem Tisch, dünne Folienbahnen sind immer wieder übereinander geschichtet worden und schon über und über mit Acrylfarbe bedeck. Die Farbe bildet dünne Rinnsale, Schlieren und Strukturen, die teilweise getrocknet sind oder noch feucht glänzen. Die gesamte Fläche besteht aus verschiedenen Ebenen - fast wie auf einer dreidimensionalen Landkarte bilden sich immer wieder Erhöhungen und Vertiefungen. Abbau- und Aufbauprozesse bestimmen dieses Farbgefüge, in einem der Täler aus gepresster Folie steht eine Lache aus blauer Farbe.

 

Die Techniken, die Enrico Niemann verwendet, sind höchstens angelehnt an Verfahren wie das der Décalcomanie, das diese amorphen Zufallsstrukturen hervorbringt. Als Surrealist hat Max Ernst diese Abklatschtechnik häufig verwendet um eigentlich unabbildbare Traumlandschaften darstellen zu können. Enrico Niemanns Technik, seine Materialien wie Acrylfarbe, Folien und Harze verankern seine Arbeiten zu sehr im Hier und Jetzt als dass sie eine direkte Linie erkennen lassen würden und doch verbindet die Werke beider Künstler neben der Lust am Experiment noch etwas anderes: Das Aufbrechen des Bildraumes. Während dies in der surrealistischen Malerei oft mit einer spirituellen Erweiterung und einem langsamen Versinken einhergeht, ja die Erweiterung des Bildraumes quasi zur Bewusstseinserweiterung wird, streben die neuen Arbeiten von Enrico Niemann viel schneller, fast explosiv, nach außen. Die Bewegungen des Produktionsprozesses, das Tröpfeln, Gießen, Fließen der Farbe erscheint auf der Rezeptionsebene zigfach potenziert.

 

Durch die entstehenden Formen, die Schollen und Scherben entwickeln die Arbeiten eine eigene Materialität, eine Körperlichkeit. Scheinbare Materialfehler, Imperfektionen wie Bläschen und Risse fragmentieren unseren Blick und beleben ihn damit. Der Körper des Betrachters kommt selbst in Bewegung: Er tritt näher heran, tritt zurück, legt den Kopf schief, um die einzelnen Spiegelungen und Brechungen des Lichts genauer betrachten zu können, geht in die Knie um das Spiel mit der Oberflächenstruktur zu ergründen, wandert mit dem Blick weiter um das einzelne Bild im Zusammenspiel mit den anderen Arbeiten der Serie zu sehen. Ähnlich wie die Lichtbrechung auf benzin- und ölhaltigen Wasseroberflächen changiert die Farbwirkung und der Blick springt. Der Bildraum wird aufgesprengt, fast erscheinen Enrico Niemanns Arbeiten flüssig und fest zugleich.
Nicht nur durch ihre Präsentation mit den ungeglätteten, gegeneinander verschobenen Kanten, wirken sie daher wie Fragmente, wie rausgerissen aus einem größeren Zusam- menhang. Der lateinische Ursprung des Wortes Fragment ist frangere: brechen. Diesen Bruch setzt Enrico Niemann in seinen neuen Arbeiten als Stilmittel ein. Denn die Zufallsstrukturen, die Fraktalen ähnlich sehen und oft zum näher Herantreten verleiten, deuten ein Interesse an den Prinzipien von Ordnung und Chaos in Enrico Niemanns Werk an. So bricht der Künstler die entstandenen Formen immer wieder durch subversive Eingriffe, die da am deutlichsten sind, wo die Zufallsstrukturen auf strenge Muster, Grids oder geome- trisch begrenzte Flächen treffen. Der Eingriff verdeutlicht den Zusammenfall von Ordnung und Chaos. Auch die nicht deterministisch entstandene Form fügt sich immer wieder in eine Struktur, Chaos und Ordnung sind keine Gegensätze. Die Décalcomanie, bei der die flüssige Farbe quasi gepresst wird bevor sie vom Bildträger abgenommen wird, bringt sehr oft Fraktale hervor, eine mathematische Figur, deren gleichförmige Struktur bis ins Unendliche geht.

 

Es ist diese Gleichzeitigkeit von Ordnung und Chaos, die auch Enrico Niemanns Werken ihren Reiz verleiht. „Transformationsfelder“ heißt die Ausstellung der neuen Arbeiten und es ist gerade dieser Schwebezustand, der Augenblick des Wandels, ohne ihn vollzogen zu haben, der diese Gleichzeitigkeit am prägnantesten verdeutlicht und die Wechselspannung zwischen scheinbaren Gegensätzen aufrecht erhält. Enrico Niemann erschafft eine elektrisierende Wirkung, ohne jedoch in eine Überwältigungsstrategie abzugleiten. Frei vom Anspruch noch revolutionär sein zu müssen baut er sich eine eigene, leisere, wunderschöne Nische in der neuen Abstraktion.

 

Jennifer Bork, Kunstverein Wolfsburg, 2017